Zum Hauptinhalt springen Zur Suche springen Zur Hauptnavigation springen
Beschreibung
I. Kultur und Gesellschaft
"Geheiligt werde dein Name..."

Um die (Um)Benennung von Straßen, aber auch öffentlichen Einrichtungen tobt in Berlin und anderswo ein Kampf der Ideologien. Verlierer sind die deutsche Geschichte und das kontextuelle Weltwissen.
Straßenumbenennungen können komische Momente bergen. So in Hamburg, wo 2013 aus der Hindenburg- eine Otto-Wels-Straße werden sollte: zugunsten besorgter Anlieger, die um ihre Adresse fürchteten und immense Kosten auf sich zukommen sahen, bekam nur der unbewohnte Teil der Straße, der durch die stillen Haine des Stadtparks führt, den neuen Namen - der Rest durfte Hindenburg behalten. So teilt sich die Ehrung nun salomonisch zwischen dem Mann, der Hitler zur Macht verhalf, und dem, der ihn als SPD-Chef im Reichstag bis zuletzt verhindern wollte. Mit Straßen(um)benennungen kann man aber viel häufiger ernste politische Interessen verfolgen, um die eigene Ideologie durchzusetzen. Und was hier in Deutschland seit geraumer Zeit passiert, macht in diesem Jahr nicht nur ärgerlich, sondern zornig.
Als Zentrum dieser oft mit öffentlichkeitswirksamen Events verbundenen Namensorgien muss seit geraumer Zeit Berlin gelten. Dabei hat man zunächst zwischen inoffiziellen plakativen und offiziellen realen Umbenennungen zu differenzieren. Das Paradebeispiel für Plakativität ist die Mohrenstraße, in der seit fünf Jahren im August aus Protest ein sogenanntes "Umbenennungsfest" gefeiert wird: Die Bezirksverordnetenversammlung BVV Mitte hat trotz Engagements der "Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland" bis heute keine Umbenennung beschlossen.
Der Protestgrund ist absurd: "Das Wort Mohr kommt aus dem Griechischen und steht für dumm, einfältig, nicht wirklich intelligent", behauptet Tahir Della von der Initiative im rbb. In diesen Worten zeigt sich die Ursache vieler dieser Namensorgien: die mit Unkenntnis gepaarte eindimensionale Akzentuierung genau der ideologischen Facette, die man für die eigene Argumentation funktionalisieren kann - unter bewusstem Verschweigen bis Bestreiten aller anderen Facetten. Wären wir in Großbritannien, könnte Della eventuell recht haben: Für William Shakespeares "Othello" (etwa 1603/04!) wurde 2008 (!) auf eine mögliche (!) Verbindung zwischen englisch "moor" zu griechisch "mi " (moros) "stumpf; töricht, dumm" hingewiesen.
Nicht aber in Deutschland: Das Wort ist im Althochdeutschen des 8. Jahrhunderts in der Form m r belegt, im Mittelhochdeutschen als m r oder m re. Hier bezeichnete es zunächst einen "Bewohner Mauretaniens (Marokkos), Äthiopiens", dann auch einen Menschen mit dunkler Hautfarbe, und ist eine Entlehnung aus dem lateinischen Maurus, "Bewohner der nordafrikanischen Provinz Mauretanien", "Maure, Nordwestafrikaner". Und die lateinische Bezeichnung Maurus "Maure" wiederum geht auf griechisch , Mauros, "Bewohner Mauretaniens" zurück. "Schwarze Menschen haben Begriffe wie diesen niemals selbst gewählt, um sich zu bezeichnen, sondern weiße Menschen haben das gemacht, im Kontext von Rassismus und Kolonialgeschichte", zetert Della besserwisserisch.
"An dem Namen festzuhalten, bedeutet eben, nicht wirklich Rücksicht zu nehmen auf die Gefühle und Verletzungen Schwarzer Menschen", greint er weiter und fordert, die Straße endlich nach Anton Wilhelm Amo zu benennen. Der war, 1703 geboren, als versklavtes Kind aus dem heutigen Ghana nach Deutschland gekommen, der erste schwarze Professor des Landes und verfasste in Halle seine Dissertation über die "Rechtsstellung der Mohren in Europa". Deutlicher kann die Umerziehungsabsicht nicht zutage treten: dieser Mann ist bestenfalls akademisches Randwissen, nicht aber Bestandteil des Allgemeinwissens oder gar Treiber der (National)Geschichte. Im schwarzafrikanischen Namibia übrigens hat im Herbst eine Umbenennungswelle von Straßen begonnen, die die Namen deutscher Persönlichkeiten tragen. So soll in Windhuk Johann Sebastian Bach einem Herero-Stammeshäuptling weichen.

"Ein Str
I. Kultur und Gesellschaft
"Geheiligt werde dein Name..."

Um die (Um)Benennung von Straßen, aber auch öffentlichen Einrichtungen tobt in Berlin und anderswo ein Kampf der Ideologien. Verlierer sind die deutsche Geschichte und das kontextuelle Weltwissen.
Straßenumbenennungen können komische Momente bergen. So in Hamburg, wo 2013 aus der Hindenburg- eine Otto-Wels-Straße werden sollte: zugunsten besorgter Anlieger, die um ihre Adresse fürchteten und immense Kosten auf sich zukommen sahen, bekam nur der unbewohnte Teil der Straße, der durch die stillen Haine des Stadtparks führt, den neuen Namen - der Rest durfte Hindenburg behalten. So teilt sich die Ehrung nun salomonisch zwischen dem Mann, der Hitler zur Macht verhalf, und dem, der ihn als SPD-Chef im Reichstag bis zuletzt verhindern wollte. Mit Straßen(um)benennungen kann man aber viel häufiger ernste politische Interessen verfolgen, um die eigene Ideologie durchzusetzen. Und was hier in Deutschland seit geraumer Zeit passiert, macht in diesem Jahr nicht nur ärgerlich, sondern zornig.
Als Zentrum dieser oft mit öffentlichkeitswirksamen Events verbundenen Namensorgien muss seit geraumer Zeit Berlin gelten. Dabei hat man zunächst zwischen inoffiziellen plakativen und offiziellen realen Umbenennungen zu differenzieren. Das Paradebeispiel für Plakativität ist die Mohrenstraße, in der seit fünf Jahren im August aus Protest ein sogenanntes "Umbenennungsfest" gefeiert wird: Die Bezirksverordnetenversammlung BVV Mitte hat trotz Engagements der "Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland" bis heute keine Umbenennung beschlossen.
Der Protestgrund ist absurd: "Das Wort Mohr kommt aus dem Griechischen und steht für dumm, einfältig, nicht wirklich intelligent", behauptet Tahir Della von der Initiative im rbb. In diesen Worten zeigt sich die Ursache vieler dieser Namensorgien: die mit Unkenntnis gepaarte eindimensionale Akzentuierung genau der ideologischen Facette, die man für die eigene Argumentation funktionalisieren kann - unter bewusstem Verschweigen bis Bestreiten aller anderen Facetten. Wären wir in Großbritannien, könnte Della eventuell recht haben: Für William Shakespeares "Othello" (etwa 1603/04!) wurde 2008 (!) auf eine mögliche (!) Verbindung zwischen englisch "moor" zu griechisch "mi " (moros) "stumpf; töricht, dumm" hingewiesen.
Nicht aber in Deutschland: Das Wort ist im Althochdeutschen des 8. Jahrhunderts in der Form m r belegt, im Mittelhochdeutschen als m r oder m re. Hier bezeichnete es zunächst einen "Bewohner Mauretaniens (Marokkos), Äthiopiens", dann auch einen Menschen mit dunkler Hautfarbe, und ist eine Entlehnung aus dem lateinischen Maurus, "Bewohner der nordafrikanischen Provinz Mauretanien", "Maure, Nordwestafrikaner". Und die lateinische Bezeichnung Maurus "Maure" wiederum geht auf griechisch , Mauros, "Bewohner Mauretaniens" zurück. "Schwarze Menschen haben Begriffe wie diesen niemals selbst gewählt, um sich zu bezeichnen, sondern weiße Menschen haben das gemacht, im Kontext von Rassismus und Kolonialgeschichte", zetert Della besserwisserisch.
"An dem Namen festzuhalten, bedeutet eben, nicht wirklich Rücksicht zu nehmen auf die Gefühle und Verletzungen Schwarzer Menschen", greint er weiter und fordert, die Straße endlich nach Anton Wilhelm Amo zu benennen. Der war, 1703 geboren, als versklavtes Kind aus dem heutigen Ghana nach Deutschland gekommen, der erste schwarze Professor des Landes und verfasste in Halle seine Dissertation über die "Rechtsstellung der Mohren in Europa". Deutlicher kann die Umerziehungsabsicht nicht zutage treten: dieser Mann ist bestenfalls akademisches Randwissen, nicht aber Bestandteil des Allgemeinwissens oder gar Treiber der (National)Geschichte. Im schwarzafrikanischen Namibia übrigens hat im Herbst eine Umbenennungswelle von Straßen begonnen, die die Namen deutscher Persönlichkeiten tragen. So soll in Windhuk Johann Sebastian Bach einem Herero-Stammeshäuptling weichen.

"Ein Str
Details
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Recht, Sozialwissenschaften, Wirtschaft
Medium: Taschenbuch
Inhalt: Kartoniert / Broschiert
ISBN-13: 9783906212470
ISBN-10: 3906212475
Sprache: Deutsch
Einband: Kartoniert / Broschiert
Autor: Hartung, Thomas
Kohl, Dirk
Hersteller: Weltbuch
Verantwortliche Person für die EU: WELTBUCH Verlag GmbH, Niederlassung Dresden, Enderstr. 59, D-01277 Dresden, weltbuch@mac.com
Maße: 211 x 151 x 20 mm
Von/Mit: Thomas Hartung (u. a.)
Erscheinungsdatum: 21.08.2021
Gewicht: 0,403 kg
Artikel-ID: 117049367