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Beschreibung
VorwortArbeit ohne Anfang und Ende: Vom analytischen Wert der bezahlten HausarbeitStephan LessenichNicht nur die öffentlichen Arbeitsmarktdebatten, auch der sozialwissenschaftliche Diskurs um die Formen der Vergesellschaftung von Arbeit und deren historischen Wandel sind voller Mythen. Zu einem der zentralen gehört die Vorstellung, Frauen hätten früher nicht gearbeitet, aber mit der marktliberalen Umgestaltung von Arbeitsgesellschaft und Wohlfahrtsstaat sei dann - irgendwann an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert - der weibliche Teil des Erwerbspersonenpotenzials sozialpolitisch "entdeckt" und "angezapft" worden, so dass wir nunmehr mit einem historisch neuartigen Vergesellschaftungsmodus des adult worker model konfrontiert seien: Heute sei es gesellschaftlich normal geworden (bzw. politisch zur Normalität gemacht worden), dass die erwachsenen Mitglieder eines Haushalts, gleich welchen Geschlechts, als Arbeitsangebot [...] Pflücke ist selbstverständlich nicht die erste Soziologin, die diesen Mythos jagt. Sie kann auf eine beeindruckende Theorieproduktion und auf eine Vielzahl empirischer Erkenntnisse aus den Sozialwissenschaften zurückgreifen, die diese gängige Erzählung grundlegend in Frage stellen, ja effektiv dementieren. Und dennoch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ihre nun vorliegende Untersuchung ein unbedingt notwendiger, weiterer Baustein ist im großen, nicht nur disziplinär arbeitsteiligen Werk der Erschütterung wissenschaftlich mitproduzierter Fehlwahrnehmungen. Kimey Pflückes Studie zur bezahlten Hausarbeit vermag es, gängige Sichtweisen zu irritieren und herrschende Blickrichtungen zu durchkreuzen. Dass dies immer noch nötig ist, mag man selbst wiederum für irritierend halten. Umso wichtiger aber der Beitrag, den ihr Buch zur soziologischen Aufklärung, die immer auch eine Selbstaufklärung ist und sein muss, leistet.Selbstverständlich haben Frauen immer schon gearbeitet. Und auch unter den Bedingungen kapitalistischer Produktionsweise war weibliche Arbeitskraft immer ein zentraler Produktionsfaktor. Nicht immer freilich in dem Sinne, dass sie als kommodifizierte Arbeit, sprich in Form von lohnabhängiger Beschäftigung im formellen Marktsektor kapitalistischer Ökonomien, in den Verwertungsprozess mit eingespeist worden wäre - obwohl auch dies historisch in viel umfassenderem Maße der Fall gewesen ist, als es das bürgerliche, selbst von einer kritischen Sozialwissenschaft häufig reproduzierte Bild von "der Frau" als marktexternprivat tätiger Hauswirtschafterin und Familienbürgerin glauben machen wollte. Jenseits der wohlsituierten, weißen Sozialmilieus gehörte die doppelte Vergesellschaftung von Frauen als Lohn- und Hausarbeiterinnen seit jeher zur sozialen Realität der industriekapitalistischen [...] moderne Geschichte der Vergesellschaftung weiblicher Arbeitskraft ist, neben jener Doppelgeschichte ihrer kapitalistischen Verwertung im betrieblichen Kontext und ihrer unentlohnten Verausgabung in der Privatheit der Familiensphäre, ganz wesentlich auch die Geschichte von Arbeit in den Grauzonen zwischen Markt und Haushalt - im informellen Sektor insbesondere jener Dienstleistungstätigkeiten, die direkt oder indirekt der Funktionsfähigkeit des (in der Regel als alleiniger Ort "produktiver" Arbeit erachteten) Produktionssektors dienen. Bezahlte Hausarbeit, die den Gegenstand von Kimey Pflückes Studie darstellt, ist eine nicht nur quantitativ relevante Form solcher "Grauzonenarbeit". Sie ist insbesondere auch eine qualitativ bedeutsame Gestalt gesellschaftlicher Arbeit, deren Analyse die Funktionsweise moderner kapitalistischer Ökonomien aufzuklären, ja diese mit zu erklären [...] Grauzone zwischen Markt und Haushalt etabliert sich freilich nicht von selbst. Sie ist vielmehr Ort staatlicher Regulierung, mehr noch: Sie entsteht als solche Zwischenzone überhaupt erst durch staatliche Intervention. Im spanisch-uruguayischen Vergleich des öffentlichen Eingriffs in die soziale
VorwortArbeit ohne Anfang und Ende: Vom analytischen Wert der bezahlten HausarbeitStephan LessenichNicht nur die öffentlichen Arbeitsmarktdebatten, auch der sozialwissenschaftliche Diskurs um die Formen der Vergesellschaftung von Arbeit und deren historischen Wandel sind voller Mythen. Zu einem der zentralen gehört die Vorstellung, Frauen hätten früher nicht gearbeitet, aber mit der marktliberalen Umgestaltung von Arbeitsgesellschaft und Wohlfahrtsstaat sei dann - irgendwann an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert - der weibliche Teil des Erwerbspersonenpotenzials sozialpolitisch "entdeckt" und "angezapft" worden, so dass wir nunmehr mit einem historisch neuartigen Vergesellschaftungsmodus des adult worker model konfrontiert seien: Heute sei es gesellschaftlich normal geworden (bzw. politisch zur Normalität gemacht worden), dass die erwachsenen Mitglieder eines Haushalts, gleich welchen Geschlechts, als Arbeitsangebot [...] Pflücke ist selbstverständlich nicht die erste Soziologin, die diesen Mythos jagt. Sie kann auf eine beeindruckende Theorieproduktion und auf eine Vielzahl empirischer Erkenntnisse aus den Sozialwissenschaften zurückgreifen, die diese gängige Erzählung grundlegend in Frage stellen, ja effektiv dementieren. Und dennoch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ihre nun vorliegende Untersuchung ein unbedingt notwendiger, weiterer Baustein ist im großen, nicht nur disziplinär arbeitsteiligen Werk der Erschütterung wissenschaftlich mitproduzierter Fehlwahrnehmungen. Kimey Pflückes Studie zur bezahlten Hausarbeit vermag es, gängige Sichtweisen zu irritieren und herrschende Blickrichtungen zu durchkreuzen. Dass dies immer noch nötig ist, mag man selbst wiederum für irritierend halten. Umso wichtiger aber der Beitrag, den ihr Buch zur soziologischen Aufklärung, die immer auch eine Selbstaufklärung ist und sein muss, leistet.Selbstverständlich haben Frauen immer schon gearbeitet. Und auch unter den Bedingungen kapitalistischer Produktionsweise war weibliche Arbeitskraft immer ein zentraler Produktionsfaktor. Nicht immer freilich in dem Sinne, dass sie als kommodifizierte Arbeit, sprich in Form von lohnabhängiger Beschäftigung im formellen Marktsektor kapitalistischer Ökonomien, in den Verwertungsprozess mit eingespeist worden wäre - obwohl auch dies historisch in viel umfassenderem Maße der Fall gewesen ist, als es das bürgerliche, selbst von einer kritischen Sozialwissenschaft häufig reproduzierte Bild von "der Frau" als marktexternprivat tätiger Hauswirtschafterin und Familienbürgerin glauben machen wollte. Jenseits der wohlsituierten, weißen Sozialmilieus gehörte die doppelte Vergesellschaftung von Frauen als Lohn- und Hausarbeiterinnen seit jeher zur sozialen Realität der industriekapitalistischen [...] moderne Geschichte der Vergesellschaftung weiblicher Arbeitskraft ist, neben jener Doppelgeschichte ihrer kapitalistischen Verwertung im betrieblichen Kontext und ihrer unentlohnten Verausgabung in der Privatheit der Familiensphäre, ganz wesentlich auch die Geschichte von Arbeit in den Grauzonen zwischen Markt und Haushalt - im informellen Sektor insbesondere jener Dienstleistungstätigkeiten, die direkt oder indirekt der Funktionsfähigkeit des (in der Regel als alleiniger Ort "produktiver" Arbeit erachteten) Produktionssektors dienen. Bezahlte Hausarbeit, die den Gegenstand von Kimey Pflückes Studie darstellt, ist eine nicht nur quantitativ relevante Form solcher "Grauzonenarbeit". Sie ist insbesondere auch eine qualitativ bedeutsame Gestalt gesellschaftlicher Arbeit, deren Analyse die Funktionsweise moderner kapitalistischer Ökonomien aufzuklären, ja diese mit zu erklären [...] Grauzone zwischen Markt und Haushalt etabliert sich freilich nicht von selbst. Sie ist vielmehr Ort staatlicher Regulierung, mehr noch: Sie entsteht als solche Zwischenzone überhaupt erst durch staatliche Intervention. Im spanisch-uruguayischen Vergleich des öffentlichen Eingriffs in die soziale
Details
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Recht, Sozialwissenschaften, Wirtschaft
Medium: Taschenbuch
Inhalt: 395 S.
ISBN-13: 9783593509631
ISBN-10: 3593509636
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback
Autor: Pflücke, Virginia Kimey
Auflage: 1/2018
Hersteller: Campus Verlag in der Beltz Verlagsgruppe
GmbH & Co. KG
Verantwortliche Person für die EU: Beltz Verlagsgruppe GmbH & Co. KG, Werderstr. 10, D-69469 Weinheim, info@campus.de
Maße: 213 x 140 x 25 mm
Von/Mit: Virginia Kimey Pflücke
Erscheinungsdatum: 04.10.2018
Gewicht: 0,492 kg
Artikel-ID: 113667577