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Beschreibung
Die Vögel sangen die gleichen Melodien wie in England. Doch jetzt war eine fremde Stimme hinzu gekommen: ein kurzes Hu-hu-hu. Vanessa hatte die Vorhänge nicht zugezogen. Die Sonne warf ihre ersten Strahlen von den Hügeln im Osten über die noch von der Nacht umfangenen Zedern und Zypressen und weiter bis zu dem Weinfeld vor dem Haus, zwischen dessen Reihen kleine weiße und gelbe Blumen leuchteten. Vanessa wartete, bis der erste Strahl auf ihr Fenster traf, auf die gelbe Wand, die Vase mit den Tulpen, den Zeichenblock auf dem Pult. Sie atmete tief, zog die Bettdecke noch einmal über die Nase, streckte sich. Unter der Decke ein Geruch nach Körper, nach Sperma. Vanessa genoss die Erinnerung wie ein zutiefst geheimes Glück. Sie schob sich etwas höher, befreite den Oberkörper von den schweren Daunen.
Das Gefühl von Freiheit nach dem Tod ihres Vaters: Es war nicht irgendeine kleine, banale Freiheit, es war, als sei sie nach langer Gefangenschaft in einem dunklen Zimmer ins Freie und ins Licht getreten. Ginny würde andere Worte finden, weniger salbungsvolle, aber für sie war es genau so. Vanessa schämte sich nicht, dass der Tod des Vaters eine solche Erleichterung ausgelöst hatte. Die letzten Jahre mit ihm waren eine Schinderei gewesen. Seine Trauer über den Tod der Mutter war ein Brei, den er mit grausamem Vergnügen jeden Tag neu anrührte, um ihnen vorzuführen, wie er fast darin versank, damit alle, seine Kinder, die Hausangestellten und Freunde, ihn bemitleideten, ihm Zuwendung und Zärtlichkeit schenkten. Doch Vanessa hatte das verweigert. Sie war 16 Jahre alt, als die Mutter 1895 plötzlich starb. Und nachdem das Unglück kein Ende nahm, da die große Halbschwester ihr zwei Jahre später folgte, sollte Vanessa dem Vater Trost, Liebe und Fürsorge spenden. Sie tat nur das Nötigste, und das war schon eine schwere Bürde: die Besprechungen mit der Köchin und den Hausmädchen, die Planung der Mahlzeiten und die Einladungen der Gäste, aber am schlimmsten war, wenn sie am Anfang der Woche dem Vater das Haushaltsbuch vorlegen musste und der um jeden Penny in ungezügeltes Gejammer von drohender Armut und Hunger ausbrach.
Sie hatte sich auch dem Halbbruder verweigert, der sie in die gehobene Gesellschaft einführen wollte, und sie auf Bälle und Dinnergesellschaften schleppte mit dem Ziel, ihr die Verhaltensvorschriften eines wohlerzogenen jungen Mädchens beizubringen und am Ende einen respektablen Ehemann zu finden. Vanessa schmunzelte. Armer, dummer George. So milde konnte sie heute über ihn denken.
Vanessa besuchte die Zeichenschule, sie wollte Malerin werden. Die Einzige, um die sie sich wirklich kümmern wollte, war Ginny, ihre drei Jahre jüngere Schwester Virginia, die ihren ersten Nervenzusammenbruch nach dem Tod der Mutter bekam und ihren zweiten 1904, nach dem Tod des Vaters.
So war Vanessa mit allem allein gewesen. Und doch diese unbändige Freude! Hyde Park Gate 22 stand für den Muff des vergangenen Jahrhunderts: die steifen Tee-gesellschaften, bei denen die alten Damen und Herren immer die gleichen Phrasen wiederholten, höfliche, hohle Sätze; für ein Korsett von Verhaltens- und Kleiderregeln, für verstaubte Samtvorhänge, klobige Möbel und dunkle Tapetenmuster an den Wänden. Wenn Vanessa die schwere Tür von Hyde Park Gate zufallen ließ und mit schnellen Schritten, soweit die langen Kleider und der weitkrempige, unpraktische Hut es zuließen, die Straßen von Kensington verließ, begann das Leben in ihren Adern zu pulsieren. Gewichte fielen von ihren Schultern. Die Luft, die vorher, dickflüssig, kaum einzuatmen war, floss ungehindert in ihre Lungen, und das Herz begann zu singen. Bloomsbury, dieses Viertel war von der ärmeren Bevölkerung bis hin zu kleinen Handwerkern und Angestellten bewohnt, hier würde sie keinen der alten Freunde ihrer Familie treffen, und die Slade School of Art lag ganz in der Nähe.
Das Gefühl von Freiheit nach dem Tod ihres Vaters: Es war nicht irgendeine kleine, banale Freiheit, es war, als sei sie nach langer Gefangenschaft in einem dunklen Zimmer ins Freie und ins Licht getreten. Ginny würde andere Worte finden, weniger salbungsvolle, aber für sie war es genau so. Vanessa schämte sich nicht, dass der Tod des Vaters eine solche Erleichterung ausgelöst hatte. Die letzten Jahre mit ihm waren eine Schinderei gewesen. Seine Trauer über den Tod der Mutter war ein Brei, den er mit grausamem Vergnügen jeden Tag neu anrührte, um ihnen vorzuführen, wie er fast darin versank, damit alle, seine Kinder, die Hausangestellten und Freunde, ihn bemitleideten, ihm Zuwendung und Zärtlichkeit schenkten. Doch Vanessa hatte das verweigert. Sie war 16 Jahre alt, als die Mutter 1895 plötzlich starb. Und nachdem das Unglück kein Ende nahm, da die große Halbschwester ihr zwei Jahre später folgte, sollte Vanessa dem Vater Trost, Liebe und Fürsorge spenden. Sie tat nur das Nötigste, und das war schon eine schwere Bürde: die Besprechungen mit der Köchin und den Hausmädchen, die Planung der Mahlzeiten und die Einladungen der Gäste, aber am schlimmsten war, wenn sie am Anfang der Woche dem Vater das Haushaltsbuch vorlegen musste und der um jeden Penny in ungezügeltes Gejammer von drohender Armut und Hunger ausbrach.
Sie hatte sich auch dem Halbbruder verweigert, der sie in die gehobene Gesellschaft einführen wollte, und sie auf Bälle und Dinnergesellschaften schleppte mit dem Ziel, ihr die Verhaltensvorschriften eines wohlerzogenen jungen Mädchens beizubringen und am Ende einen respektablen Ehemann zu finden. Vanessa schmunzelte. Armer, dummer George. So milde konnte sie heute über ihn denken.
Vanessa besuchte die Zeichenschule, sie wollte Malerin werden. Die Einzige, um die sie sich wirklich kümmern wollte, war Ginny, ihre drei Jahre jüngere Schwester Virginia, die ihren ersten Nervenzusammenbruch nach dem Tod der Mutter bekam und ihren zweiten 1904, nach dem Tod des Vaters.
So war Vanessa mit allem allein gewesen. Und doch diese unbändige Freude! Hyde Park Gate 22 stand für den Muff des vergangenen Jahrhunderts: die steifen Tee-gesellschaften, bei denen die alten Damen und Herren immer die gleichen Phrasen wiederholten, höfliche, hohle Sätze; für ein Korsett von Verhaltens- und Kleiderregeln, für verstaubte Samtvorhänge, klobige Möbel und dunkle Tapetenmuster an den Wänden. Wenn Vanessa die schwere Tür von Hyde Park Gate zufallen ließ und mit schnellen Schritten, soweit die langen Kleider und der weitkrempige, unpraktische Hut es zuließen, die Straßen von Kensington verließ, begann das Leben in ihren Adern zu pulsieren. Gewichte fielen von ihren Schultern. Die Luft, die vorher, dickflüssig, kaum einzuatmen war, floss ungehindert in ihre Lungen, und das Herz begann zu singen. Bloomsbury, dieses Viertel war von der ärmeren Bevölkerung bis hin zu kleinen Handwerkern und Angestellten bewohnt, hier würde sie keinen der alten Freunde ihrer Familie treffen, und die Slade School of Art lag ganz in der Nähe.
Die Vögel sangen die gleichen Melodien wie in England. Doch jetzt war eine fremde Stimme hinzu gekommen: ein kurzes Hu-hu-hu. Vanessa hatte die Vorhänge nicht zugezogen. Die Sonne warf ihre ersten Strahlen von den Hügeln im Osten über die noch von der Nacht umfangenen Zedern und Zypressen und weiter bis zu dem Weinfeld vor dem Haus, zwischen dessen Reihen kleine weiße und gelbe Blumen leuchteten. Vanessa wartete, bis der erste Strahl auf ihr Fenster traf, auf die gelbe Wand, die Vase mit den Tulpen, den Zeichenblock auf dem Pult. Sie atmete tief, zog die Bettdecke noch einmal über die Nase, streckte sich. Unter der Decke ein Geruch nach Körper, nach Sperma. Vanessa genoss die Erinnerung wie ein zutiefst geheimes Glück. Sie schob sich etwas höher, befreite den Oberkörper von den schweren Daunen.
Das Gefühl von Freiheit nach dem Tod ihres Vaters: Es war nicht irgendeine kleine, banale Freiheit, es war, als sei sie nach langer Gefangenschaft in einem dunklen Zimmer ins Freie und ins Licht getreten. Ginny würde andere Worte finden, weniger salbungsvolle, aber für sie war es genau so. Vanessa schämte sich nicht, dass der Tod des Vaters eine solche Erleichterung ausgelöst hatte. Die letzten Jahre mit ihm waren eine Schinderei gewesen. Seine Trauer über den Tod der Mutter war ein Brei, den er mit grausamem Vergnügen jeden Tag neu anrührte, um ihnen vorzuführen, wie er fast darin versank, damit alle, seine Kinder, die Hausangestellten und Freunde, ihn bemitleideten, ihm Zuwendung und Zärtlichkeit schenkten. Doch Vanessa hatte das verweigert. Sie war 16 Jahre alt, als die Mutter 1895 plötzlich starb. Und nachdem das Unglück kein Ende nahm, da die große Halbschwester ihr zwei Jahre später folgte, sollte Vanessa dem Vater Trost, Liebe und Fürsorge spenden. Sie tat nur das Nötigste, und das war schon eine schwere Bürde: die Besprechungen mit der Köchin und den Hausmädchen, die Planung der Mahlzeiten und die Einladungen der Gäste, aber am schlimmsten war, wenn sie am Anfang der Woche dem Vater das Haushaltsbuch vorlegen musste und der um jeden Penny in ungezügeltes Gejammer von drohender Armut und Hunger ausbrach.
Sie hatte sich auch dem Halbbruder verweigert, der sie in die gehobene Gesellschaft einführen wollte, und sie auf Bälle und Dinnergesellschaften schleppte mit dem Ziel, ihr die Verhaltensvorschriften eines wohlerzogenen jungen Mädchens beizubringen und am Ende einen respektablen Ehemann zu finden. Vanessa schmunzelte. Armer, dummer George. So milde konnte sie heute über ihn denken.
Vanessa besuchte die Zeichenschule, sie wollte Malerin werden. Die Einzige, um die sie sich wirklich kümmern wollte, war Ginny, ihre drei Jahre jüngere Schwester Virginia, die ihren ersten Nervenzusammenbruch nach dem Tod der Mutter bekam und ihren zweiten 1904, nach dem Tod des Vaters.
So war Vanessa mit allem allein gewesen. Und doch diese unbändige Freude! Hyde Park Gate 22 stand für den Muff des vergangenen Jahrhunderts: die steifen Tee-gesellschaften, bei denen die alten Damen und Herren immer die gleichen Phrasen wiederholten, höfliche, hohle Sätze; für ein Korsett von Verhaltens- und Kleiderregeln, für verstaubte Samtvorhänge, klobige Möbel und dunkle Tapetenmuster an den Wänden. Wenn Vanessa die schwere Tür von Hyde Park Gate zufallen ließ und mit schnellen Schritten, soweit die langen Kleider und der weitkrempige, unpraktische Hut es zuließen, die Straßen von Kensington verließ, begann das Leben in ihren Adern zu pulsieren. Gewichte fielen von ihren Schultern. Die Luft, die vorher, dickflüssig, kaum einzuatmen war, floss ungehindert in ihre Lungen, und das Herz begann zu singen. Bloomsbury, dieses Viertel war von der ärmeren Bevölkerung bis hin zu kleinen Handwerkern und Angestellten bewohnt, hier würde sie keinen der alten Freunde ihrer Familie treffen, und die Slade School of Art lag ganz in der Nähe.
Das Gefühl von Freiheit nach dem Tod ihres Vaters: Es war nicht irgendeine kleine, banale Freiheit, es war, als sei sie nach langer Gefangenschaft in einem dunklen Zimmer ins Freie und ins Licht getreten. Ginny würde andere Worte finden, weniger salbungsvolle, aber für sie war es genau so. Vanessa schämte sich nicht, dass der Tod des Vaters eine solche Erleichterung ausgelöst hatte. Die letzten Jahre mit ihm waren eine Schinderei gewesen. Seine Trauer über den Tod der Mutter war ein Brei, den er mit grausamem Vergnügen jeden Tag neu anrührte, um ihnen vorzuführen, wie er fast darin versank, damit alle, seine Kinder, die Hausangestellten und Freunde, ihn bemitleideten, ihm Zuwendung und Zärtlichkeit schenkten. Doch Vanessa hatte das verweigert. Sie war 16 Jahre alt, als die Mutter 1895 plötzlich starb. Und nachdem das Unglück kein Ende nahm, da die große Halbschwester ihr zwei Jahre später folgte, sollte Vanessa dem Vater Trost, Liebe und Fürsorge spenden. Sie tat nur das Nötigste, und das war schon eine schwere Bürde: die Besprechungen mit der Köchin und den Hausmädchen, die Planung der Mahlzeiten und die Einladungen der Gäste, aber am schlimmsten war, wenn sie am Anfang der Woche dem Vater das Haushaltsbuch vorlegen musste und der um jeden Penny in ungezügeltes Gejammer von drohender Armut und Hunger ausbrach.
Sie hatte sich auch dem Halbbruder verweigert, der sie in die gehobene Gesellschaft einführen wollte, und sie auf Bälle und Dinnergesellschaften schleppte mit dem Ziel, ihr die Verhaltensvorschriften eines wohlerzogenen jungen Mädchens beizubringen und am Ende einen respektablen Ehemann zu finden. Vanessa schmunzelte. Armer, dummer George. So milde konnte sie heute über ihn denken.
Vanessa besuchte die Zeichenschule, sie wollte Malerin werden. Die Einzige, um die sie sich wirklich kümmern wollte, war Ginny, ihre drei Jahre jüngere Schwester Virginia, die ihren ersten Nervenzusammenbruch nach dem Tod der Mutter bekam und ihren zweiten 1904, nach dem Tod des Vaters.
So war Vanessa mit allem allein gewesen. Und doch diese unbändige Freude! Hyde Park Gate 22 stand für den Muff des vergangenen Jahrhunderts: die steifen Tee-gesellschaften, bei denen die alten Damen und Herren immer die gleichen Phrasen wiederholten, höfliche, hohle Sätze; für ein Korsett von Verhaltens- und Kleiderregeln, für verstaubte Samtvorhänge, klobige Möbel und dunkle Tapetenmuster an den Wänden. Wenn Vanessa die schwere Tür von Hyde Park Gate zufallen ließ und mit schnellen Schritten, soweit die langen Kleider und der weitkrempige, unpraktische Hut es zuließen, die Straßen von Kensington verließ, begann das Leben in ihren Adern zu pulsieren. Gewichte fielen von ihren Schultern. Die Luft, die vorher, dickflüssig, kaum einzuatmen war, floss ungehindert in ihre Lungen, und das Herz begann zu singen. Bloomsbury, dieses Viertel war von der ärmeren Bevölkerung bis hin zu kleinen Handwerkern und Angestellten bewohnt, hier würde sie keinen der alten Freunde ihrer Familie treffen, und die Slade School of Art lag ganz in der Nähe.
Details
| Erscheinungsjahr: | 2015 |
|---|---|
| Genre: | Belletristik, Biographien |
| Rubrik: | Belletristik |
| Medium: | Taschenbuch |
| Inhalt: | Kartoniert / Broschiert |
| ISBN-13: | 9783943446180 |
| ISBN-10: | 3943446182 |
| Sprache: | Deutsch |
| Einband: | Kartoniert / Broschiert |
| Autor: | Schmeda, Astrid |
| Hersteller: | Edition Contra-Bass |
| Verantwortliche Person für die EU: | Edition Contra-Bass UG, Telemannstr. 12, D-20255 Hamburg, contra-bass@orange.fr |
| Maße: | 220 x 140 x 25 mm |
| Von/Mit: | Astrid Schmeda |
| Erscheinungsdatum: | 09.03.2015 |
| Gewicht: | 0,644 kg |