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Beschreibung
1 EinleitungWas Lebensqualität ist, lässt sich kaum eindeutig beantworten. Es ist ein schillernder Begriff, der unausgesprochen eine Orientierung verspricht, wie ein "gutes Leben" möglich ist. Dahinter können ganz unterschiedliche Vorstellungen stehen. Lebensqualität steht beispielsweise für die Annahme, dass ein "gutes Leben" mehr ausmacht als ökonomischer Wohlstand, aber auch mehr als eine möglichst lange Lebenszeit. Dass solche Begriffe normativ aufgeladen sind, macht sie umkämpft. Bei genauerem Hinsehen verweisen sie auf gesellschaftliche [...] bundesdeutschen sozialpolitischen Diskurs hat der Begriff Lebensqualität durch Datenreports und Sozialberichterstattung der frühen 1970er Jahre Verbreitung gefunden. Diese Entwicklung ist im Zusammenhang einer internationalen "Sozialindikatorenbewegung" der Politik- und Wirtschaftsforschung zu verorten. Lebensqualität steht hier für die Seite des "subjektiven Wohlbefindens" gegenüber den "objektiven" Lebensbedingungen, die durch die Kennzahlen der Wohlstands- und Wohlfahrtsmessung erhoben werden. Im "Capability Approach" des Ökonomen Amartya Sen steht der Begriff für den Zusammenhang von Handlungsspielräumen im gesellschaftlichen Umfeld, die über vorhandene oder blockierte Verwirklichungschancen und "well-being" der Menschen entscheiden. Lebensqualität bezeichnet hier ein Verhältnis und verweist dabei auf Konflikte um Zugang zu, um Verteilung und - angesichts klimatischer Folgen, Umweltverschmutzung und "Grenzen des Wachstums" - um Ausbeutung von Ressourcen.Verbindet sich in der sozio-ökonomischen Forschung mit dem Konzept "Lebensqualität" einerseits der Gedanke der Nachhaltigkeit und andererseits die Vorstellung, die Bedingungen des guten Lebens durch sozialpolitische Entscheidungen zu gestalten, ist es im Sozial- und Gesundheitswesen die Idee der Ganzheitlichkeit. Hier kann die Hinwendung zum Begriff der Lebensqualität als "subjektivem" Faktor des Wohlbefindens ebenfalls als Paradigmenwechsel verstanden werden. Dieser Wechsel ist als Folge der fortschrittskritischen Bewegungen zu sehen, die sich gegen eine "Entmündigung durch Experten" (Illich u.a. 1979) und Verdinglichung durch 'apparative Hochleistungsmedizin' wenden. Dabei wird der Begriff Lebensqualität nicht aus der Wirtschafts- und Sozialforschung adaptiert. Er hat in der Medizin eine eigene gebrochene Tradition, die in die Eugenik des frühen 20. Jahrhunderts zurückreicht (Kovács 2016). "Qualität des Lebens" steht hier für die Unterscheidung erwünschter und unerwünschter Eigenschaften von Individuen, die sich argumentativ auf evolutionsbiologische Vorstellungen stützt. Dabei gehen die Eugeniker_innen von einer Degeneration der menschlichen "Rasse" als Folgewirkung sozialer und technischer Errungenschaften aus (vgl. Kovács 2016: 14 f.). So hat dieses "vergessene" (Kovács) Verständnis von Lebensqualität mit dem Reformbegriff der 1970er Jahren den fortschrittskritischen Impetus als Gemeinsamkeit. Der zentrale konzeptionelle Unterschied zwischen den beiden medizinischen Ideen von Lebensqualität besteht in der Blickrichtung, die eingenommen wird. Während die eugenische Medizin vom autoritären Standpunkt anhand einer normativen Vorstellung der "Qualität des Lebens" über Individuen und Personengruppen urteilt, liegt der reformorientierten Vorstellung eine Hinwendung zum Erleben und subjektiven Wohlbefinden der Patient_innen zugrunde. Hieraus haben sich in den vergangenen Jahrzehnten in den medizinischen, pflegerischen und psychologischen Forschungsdisziplinen weit ausdifferenzierte Zweige des quality of life research etabliert, welche Lebensqualität in diversifizierten Items messen und verobjektivieren. Der Erfolg medizinischer Eingriffe bemisst sich somit nicht mehr allein nach biomedizinischen Kriterien, sondern wird ergänzt durch einen "subjektiven" [...] dem Aufstreben der Hospizbewegung im westeuropäischen und nordamerikanischen Raum etabliert sich aber auch ein Verständnis von Lebensqualität als Gegenkonzep
1 EinleitungWas Lebensqualität ist, lässt sich kaum eindeutig beantworten. Es ist ein schillernder Begriff, der unausgesprochen eine Orientierung verspricht, wie ein "gutes Leben" möglich ist. Dahinter können ganz unterschiedliche Vorstellungen stehen. Lebensqualität steht beispielsweise für die Annahme, dass ein "gutes Leben" mehr ausmacht als ökonomischer Wohlstand, aber auch mehr als eine möglichst lange Lebenszeit. Dass solche Begriffe normativ aufgeladen sind, macht sie umkämpft. Bei genauerem Hinsehen verweisen sie auf gesellschaftliche [...] bundesdeutschen sozialpolitischen Diskurs hat der Begriff Lebensqualität durch Datenreports und Sozialberichterstattung der frühen 1970er Jahre Verbreitung gefunden. Diese Entwicklung ist im Zusammenhang einer internationalen "Sozialindikatorenbewegung" der Politik- und Wirtschaftsforschung zu verorten. Lebensqualität steht hier für die Seite des "subjektiven Wohlbefindens" gegenüber den "objektiven" Lebensbedingungen, die durch die Kennzahlen der Wohlstands- und Wohlfahrtsmessung erhoben werden. Im "Capability Approach" des Ökonomen Amartya Sen steht der Begriff für den Zusammenhang von Handlungsspielräumen im gesellschaftlichen Umfeld, die über vorhandene oder blockierte Verwirklichungschancen und "well-being" der Menschen entscheiden. Lebensqualität bezeichnet hier ein Verhältnis und verweist dabei auf Konflikte um Zugang zu, um Verteilung und - angesichts klimatischer Folgen, Umweltverschmutzung und "Grenzen des Wachstums" - um Ausbeutung von Ressourcen.Verbindet sich in der sozio-ökonomischen Forschung mit dem Konzept "Lebensqualität" einerseits der Gedanke der Nachhaltigkeit und andererseits die Vorstellung, die Bedingungen des guten Lebens durch sozialpolitische Entscheidungen zu gestalten, ist es im Sozial- und Gesundheitswesen die Idee der Ganzheitlichkeit. Hier kann die Hinwendung zum Begriff der Lebensqualität als "subjektivem" Faktor des Wohlbefindens ebenfalls als Paradigmenwechsel verstanden werden. Dieser Wechsel ist als Folge der fortschrittskritischen Bewegungen zu sehen, die sich gegen eine "Entmündigung durch Experten" (Illich u.a. 1979) und Verdinglichung durch 'apparative Hochleistungsmedizin' wenden. Dabei wird der Begriff Lebensqualität nicht aus der Wirtschafts- und Sozialforschung adaptiert. Er hat in der Medizin eine eigene gebrochene Tradition, die in die Eugenik des frühen 20. Jahrhunderts zurückreicht (Kovács 2016). "Qualität des Lebens" steht hier für die Unterscheidung erwünschter und unerwünschter Eigenschaften von Individuen, die sich argumentativ auf evolutionsbiologische Vorstellungen stützt. Dabei gehen die Eugeniker_innen von einer Degeneration der menschlichen "Rasse" als Folgewirkung sozialer und technischer Errungenschaften aus (vgl. Kovács 2016: 14 f.). So hat dieses "vergessene" (Kovács) Verständnis von Lebensqualität mit dem Reformbegriff der 1970er Jahren den fortschrittskritischen Impetus als Gemeinsamkeit. Der zentrale konzeptionelle Unterschied zwischen den beiden medizinischen Ideen von Lebensqualität besteht in der Blickrichtung, die eingenommen wird. Während die eugenische Medizin vom autoritären Standpunkt anhand einer normativen Vorstellung der "Qualität des Lebens" über Individuen und Personengruppen urteilt, liegt der reformorientierten Vorstellung eine Hinwendung zum Erleben und subjektiven Wohlbefinden der Patient_innen zugrunde. Hieraus haben sich in den vergangenen Jahrzehnten in den medizinischen, pflegerischen und psychologischen Forschungsdisziplinen weit ausdifferenzierte Zweige des quality of life research etabliert, welche Lebensqualität in diversifizierten Items messen und verobjektivieren. Der Erfolg medizinischer Eingriffe bemisst sich somit nicht mehr allein nach biomedizinischen Kriterien, sondern wird ergänzt durch einen "subjektiven" [...] dem Aufstreben der Hospizbewegung im westeuropäischen und nordamerikanischen Raum etabliert sich aber auch ein Verständnis von Lebensqualität als Gegenkonzep
Details
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Politikwissenschaft & Soziologie, Recht, Sozialwissenschaften, Wirtschaft
Rubrik: Wissenschaften
Medium: Taschenbuch
Inhalt: 342 S.
ISBN-13: 9783593510194
ISBN-10: 3593510197
Sprache: Deutsch
Einband: Kartoniert / Broschiert
Autor: Müller, Falko
Auflage: 1/2019
Hersteller: Campus Verlag in der Beltz Verlagsgruppe
GmbH & Co. KG
Verantwortliche Person für die EU: Beltz Verlagsgruppe GmbH & Co. KG, Werderstr. 10, D-69469 Weinheim, info@campus.de
Maße: 215 x 140 x 22 mm
Von/Mit: Falko Müller
Erscheinungsdatum: 13.02.2019
Gewicht: 0,441 kg
Artikel-ID: 114894583