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Beschreibung
Einleitung

Wie radikal ist Gewaltlosigkeit? Und wie gewaltlos der Anarchismus? "Gewalt" ist radikaler, "Gewaltlosigkeit" eher gemäßigt, so urteilt schnell die öffentliche Meinung, und so sehen das auch Intellektuelle, Aktivist_innen, Politiker_innen. Sie könnten sich sehr täuschen. Wenn es darum geht, zerstörerische Prozesse "an der Wurzel" zu bekämpfen, kann sich herausstellen, dass "Gegengewalt" eher ein Problem als die Lösung ist.
Viele Beispiele auch der letzten Jahre zeigen, dass eine "Verkriegung" sozialer Bewegungen emanzipatorische Entwicklungen ausschließt oder behindert - etwa die Zerstörung demokratischer Hoffnungen des Arabischen Frühlings in Bürgerkriegen und militärischen Interventionen. Andererseits haben gewaltlose Massenbewegungen Regierungen gestürzt (zuletzt Sudan, Algerien ...) und beispielsweise 1989 in einer "friedlichen Revolution" scheinbar festgefügte Strukturen kollabieren lassen.
Im Gegensatz zu verbreiteten Zuschreibungen ist das Interesse an Gewaltlosigkeit gerade in "radikalen" sozialen Bewegungen am größten gewesen. So haben anarchistische soziale Bewegungen und besonders einzelne Aktive - ganz im Gegensatz zu ihrer öffentlichen Wahrnehmung als extrem gewalttätig oder terroristisch - sich häufiger gewaltkritisch verhalten und in einigen sozialen Situationen sich ausdrücklich als "gewaltlos" beschrieben, explizit gewaltlose Kampfformen gewählt. Es gibt historisch keinen gewaltlosen Liberalismus oder Konservativismus, aber es gibt gewaltlos-anarchistische Konzeptionen. Bei einer Minderheit von Anarchist_innen und Anarchosyndikalist_innen wurden historische Erfahrungen der Revolutionen und der Arbeiterkämpfe, Erfahrungen mit Repression und Krieg so verarbeitet, dass sie Befreiung gewaltlos dachten und antimilitaristische Aktionen gegen die bewaffneten Gegner der Revolution forderten, statt sich selbst zu bewaffnen: "Je mehr Gewalt, desto weniger Revolution!"
Der Zusammenhang von Zielen und Mitteln prägt bereits die antiautoritär-sozialistische Staats- und Parteienkritik, die Kritik am Zentralismus. Utopien einer Gesellschaft, die durch gegenseitige Hilfe und freie Vereinbarungen gekennzeichnet ist, die sich föderalistisch "von unten nach oben" organisiert, sind im Widerspruch zu Kampfformen, die auf Befehl und Gehorsam ausgerichtet sind. Umgekehrt gab es bei Gesellschaftskritiker_innen und in sozialen Bewegungen, die sich selbst als "gewaltlos" definierten (z.B. Tolstoi, Gandhi) zahlreiche Berührungspunkte mit dem Anarchismus. Hier wurde also zuerst über eine "gewaltlose Revolution" nachgedacht und geschrieben.
Wie schon nach dem Ersten Weltkrieg entstanden auch nach den Erfahrungen der Massentötungen im Zweiten Weltkrieg, den Erfahrungen der Lager und der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki unter Pazifist_innen, Sozialist_innen und Nonkonformist_innen Ideen über eine "gewaltlose Revolution" gegen die Wurzeln der Massenmorde, die in gesellschaftlichen Strukturen gesehen wurden. Auch die atomare Vernichtungsdrohung während des Kalten Kriegs, die Erwartung eines dritten Weltkriegs veranlasste (allerdings äußerst marginalisierte) Minderheiten darüber nachzudenken, ob nicht ein gewaltloser Aufstand gegen die Vernichtungsdrohung der Ausweg sein könnte.
Nach den Erfahrungen mit der US-Bürgerrechtsbewegung und der Opposition gegen den Vietnamkrieg (als etwa Einberufungsbescheide verbrannt wurden oder die Berrigan-Brüder und andere katholische Ordensleute Akten der Einberufungsämter mit selbstgefertigtem Napalm übergossen) wurde die Idee einer "revolutionären Gewaltlosigkeit" international verbreitet und einzelne Organisationen legten sich auf ein Programm der gewaltlosen Revolution fest. Diese Gruppen wurden später häufig auch in den ökologischen Bewegungen aktiv und propagierten etwa in den Bewegungen gegen Atomkraftwerke ihre Organisationskonzepte mit Bezugsgruppen und Sprecherräten, um auch in der Aktion nicht-hierarchische Formen der Koordinierung zu ermöglichen. Auch "Training" für gewaltfreie Akti
Einleitung

Wie radikal ist Gewaltlosigkeit? Und wie gewaltlos der Anarchismus? "Gewalt" ist radikaler, "Gewaltlosigkeit" eher gemäßigt, so urteilt schnell die öffentliche Meinung, und so sehen das auch Intellektuelle, Aktivist_innen, Politiker_innen. Sie könnten sich sehr täuschen. Wenn es darum geht, zerstörerische Prozesse "an der Wurzel" zu bekämpfen, kann sich herausstellen, dass "Gegengewalt" eher ein Problem als die Lösung ist.
Viele Beispiele auch der letzten Jahre zeigen, dass eine "Verkriegung" sozialer Bewegungen emanzipatorische Entwicklungen ausschließt oder behindert - etwa die Zerstörung demokratischer Hoffnungen des Arabischen Frühlings in Bürgerkriegen und militärischen Interventionen. Andererseits haben gewaltlose Massenbewegungen Regierungen gestürzt (zuletzt Sudan, Algerien ...) und beispielsweise 1989 in einer "friedlichen Revolution" scheinbar festgefügte Strukturen kollabieren lassen.
Im Gegensatz zu verbreiteten Zuschreibungen ist das Interesse an Gewaltlosigkeit gerade in "radikalen" sozialen Bewegungen am größten gewesen. So haben anarchistische soziale Bewegungen und besonders einzelne Aktive - ganz im Gegensatz zu ihrer öffentlichen Wahrnehmung als extrem gewalttätig oder terroristisch - sich häufiger gewaltkritisch verhalten und in einigen sozialen Situationen sich ausdrücklich als "gewaltlos" beschrieben, explizit gewaltlose Kampfformen gewählt. Es gibt historisch keinen gewaltlosen Liberalismus oder Konservativismus, aber es gibt gewaltlos-anarchistische Konzeptionen. Bei einer Minderheit von Anarchist_innen und Anarchosyndikalist_innen wurden historische Erfahrungen der Revolutionen und der Arbeiterkämpfe, Erfahrungen mit Repression und Krieg so verarbeitet, dass sie Befreiung gewaltlos dachten und antimilitaristische Aktionen gegen die bewaffneten Gegner der Revolution forderten, statt sich selbst zu bewaffnen: "Je mehr Gewalt, desto weniger Revolution!"
Der Zusammenhang von Zielen und Mitteln prägt bereits die antiautoritär-sozialistische Staats- und Parteienkritik, die Kritik am Zentralismus. Utopien einer Gesellschaft, die durch gegenseitige Hilfe und freie Vereinbarungen gekennzeichnet ist, die sich föderalistisch "von unten nach oben" organisiert, sind im Widerspruch zu Kampfformen, die auf Befehl und Gehorsam ausgerichtet sind. Umgekehrt gab es bei Gesellschaftskritiker_innen und in sozialen Bewegungen, die sich selbst als "gewaltlos" definierten (z.B. Tolstoi, Gandhi) zahlreiche Berührungspunkte mit dem Anarchismus. Hier wurde also zuerst über eine "gewaltlose Revolution" nachgedacht und geschrieben.
Wie schon nach dem Ersten Weltkrieg entstanden auch nach den Erfahrungen der Massentötungen im Zweiten Weltkrieg, den Erfahrungen der Lager und der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki unter Pazifist_innen, Sozialist_innen und Nonkonformist_innen Ideen über eine "gewaltlose Revolution" gegen die Wurzeln der Massenmorde, die in gesellschaftlichen Strukturen gesehen wurden. Auch die atomare Vernichtungsdrohung während des Kalten Kriegs, die Erwartung eines dritten Weltkriegs veranlasste (allerdings äußerst marginalisierte) Minderheiten darüber nachzudenken, ob nicht ein gewaltloser Aufstand gegen die Vernichtungsdrohung der Ausweg sein könnte.
Nach den Erfahrungen mit der US-Bürgerrechtsbewegung und der Opposition gegen den Vietnamkrieg (als etwa Einberufungsbescheide verbrannt wurden oder die Berrigan-Brüder und andere katholische Ordensleute Akten der Einberufungsämter mit selbstgefertigtem Napalm übergossen) wurde die Idee einer "revolutionären Gewaltlosigkeit" international verbreitet und einzelne Organisationen legten sich auf ein Programm der gewaltlosen Revolution fest. Diese Gruppen wurden später häufig auch in den ökologischen Bewegungen aktiv und propagierten etwa in den Bewegungen gegen Atomkraftwerke ihre Organisationskonzepte mit Bezugsgruppen und Sprecherräten, um auch in der Aktion nicht-hierarchische Formen der Koordinierung zu ermöglichen. Auch "Training" für gewaltfreie Akti
Details
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Geisteswissenschaften, Kunst, Musik
Medium: Buch
Titelzusatz: Texte zum gewaltfreien Anarchismus & anarchistischen Pazifismus, Band 2, Je mehr Gewalt, desto weniger Revolution 2, Texte zum gewaltfreien Anarchismus & anarchistischen Pazifismus
Inhalt: 202 S.
ISBN-13: 9783939045410
ISBN-10: 3939045411
Sprache: Deutsch
Einband: Kartoniert / Broschiert
Redaktion: Arbeitsgruppe Anarchismus und Gewaltfreiheit
Herausgeber: Arbeitsgruppe Anarchismus und Gewaltfreiheit
Auflage: 1/2021
Hersteller: Verlag Graswurzelrevolution e.V.
c/o Textgärtnerei
Verantwortliche Person für die EU: Verlag Graswurzelrevolution e.V., Bernd Degener, Guido-Schmitt-Weg 4, D-69126 Heidelberg, buchverlag@graswurzel.net
Maße: 201 x 128 x 18 mm
Von/Mit: Arbeitsgruppe Anarchismus und Gewaltfreiheit
Erscheinungsdatum: 06.07.2021
Gewicht: 0,256 kg
Artikel-ID: 119927586

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