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Beschreibung
Aus Kapitel 2. Kapitel – Drei Weiße Eunuchen Die Sonne stand im Zenit und brannte schon sommerlich bei der anhaltenden Windstille, die bereits seit den Morgenstunden über dem Meer lag. Das zerklüftete Küstengebirge im Osten war zu einem vagen, blass-gelben Streifen [...] Galeere, die mit dem grünen Banner des Propheten beflaggt war und die auch die scharlachrote Flagge der Pforten-Marine mit dem silbernen Halbmond und dem Stern zeigte, hielt Kurs auf einen Archipel flachkuppiger Inseln am Horizont. Gleichmäßig bewegten sich zwanzig Ruderpaare im Takt von dumpfen Trommelschlägen. Der Kommandant der Galeere, ein Hauptmann der Janitscharen und ein Koloss von einem Mann saßen unter dem Sonnensegel auf der Heckplattform des Kriegsschiffs. Der Schiffsführer betrachtete mit zusammengekniffenen Lippen die rotgekleideten Knaben, die aneinander gefesselt unterhalb der Heckempore hockten, dann schüttelte er energisch den Kopf."Nein, meine Herren, wenn ich durch die Möveninsel-Enge gesteuert wäre, hätte ich riskiert, das Schiff zu verlieren. Außerdem: Die beiden Flüchtigen waren bestimmt schon in den Küstenwäldern untergetaucht, und ohne Bluthunde könnte sie dort selbst eine vollzählige Orta Janitscharen nicht mehr aufspüren!",Eine Orta, eine Kompanie!`, dachte der Hauptmann bitter. ,Hätte ich eine ganze Orta gehabt, wäre mir niemand unbemerkt vom Schiff entkommen!`Die Knaben hatten sich im Schutze der Dunkelheit geräuschlos vom Deck der Galeere abgeseilt und waren zu einer der Landzunge vorgelagerten Insel geschwommen. Natürlich hatten die anderen Jungen ihre Flucht gedeckt, weshalb sie allesamt kräftig die Peitsche zu spüren bekamen, wie im Übrigen auch die vier nachlässigen Janitscharen der Nachtwache. Und der Janitscharen-Hauptmann dachte voller Groll an seinen Oberst, der ihm bloß eine halbe Kompanie zur Knabenlese mitgegeben hatte, weil dieser verdammte Rüstem Pascha wieder einmal alle irgendwie entbehrlichen Soldaten als Jagdtreiber abkommandiert [...] dem Hauptmann waren dann drei Weiße Eunuchen und ein halbes Dutzend Schwertträger von den Saraywächtern an Bord der Galeere gegangen. Weiße Eunuchen bewachten das Tor zum Privatquartier des Sultans.Zuerst hatte der Hauptmann vermutet, dass die Schwertträger als Ersatz für die fehlenden Janitscharen bestimmt waren. Er wurde bald eines Besseren belehrt: Der Anführer der drei Eunuchen hieß Ahmed, war ein Fettberg von einem Verschnittenen, besaß eine auffällige sternförmige Narbe über der rechten Augenbraue und trug ein prunkvolles Brokatgewand. Er hatte ihm und dem Galeeren-Kommandanten sogleich ein Schreiben aus der Kanzlei des Großwesirs vorgelegt, welches nichts anderes besagte, als dass alle Janitscharen und die gesamte Schiffsbesatzung formell ihm, dem Eunuchen, unterstellt waren. Die Schwertträger waren seine Leibwächter. Dann hatte der Verschnittene quasi als erste Amtshandlung die Kabine des Kommandanten in Beschlag [...] Hauptmann war altgedient und hatte schon viele Vorgesetzte gehabt, aber dass er sich einem Eunuchen unterordnen musste, das war ihm noch nie widerfahren. Der Janitscharen-Hauptmann mochte die arroganten Kastraten nicht, denen die hohen Herren mehr ihr Ohr liehen als ehrlich kämpfenden Soldaten. Dem Galeerenkommandanten erging es [...] keiner der Eunuchen oder Saray-Schwertträger in Hörweite war, lästerten die beiden Offiziere zu Beginn der Reise noch häufig über ihren ungewöhnlichen neuen Vorgesetzten mit der hohen Kastratenstimme, der wächsernen Gesichtsfarbe und dem massigen Körper, der nur aus Fettwülsten zu bestehen schien. Dieses Lästern wich aber einer ungeheuchelten Hochachtung, als der Anführer der Weißen Eunuchen einmal von einem der Schiffsoffiziere angerempelt wurde und er den Mann aufs Gröbste deswegen beschimpfte. Die Hand des Offiziers glitt daraufhin zu dem Krummdolch, der in einer silberbeschlagenen Scheide in seinem Gürtel steckte. Noch bevor er die Waffe auch nur halb entblößt hatte, wurde ihm von einem einzigen wuchtigen Säbelhieb der Schädel bis zum Hals gespalten. Wie der Verschnittene ansatzlos seine Waffe gezogen hatte, grenzte für einige der Augenzeugen dieses Vorfalls schon fast an Zauberei. Der Hauptmann jedenfalls hatte nur selten in seinem Leben jemanden beobachten können, der derart schnell und treffsicher auf einen Angriff reagiert hatte wie dieser Eunuch. Auch der Galeerenkommandant hatte sich fortan mit unüberlegten Bemerkungen [...] Galeere zog auf dem ruhigen Meer einen gleichmäßigen Fächer von Bugwellen hinter sich her, ansonsten glich die Wasserfläche einem Spiegel, und nur der laue Fahrtwind bewegte das grüne Banner des Islam an der Hauptmastspitze gelegentlich und kaum [...] Anführer der Weißen Eunuchen räusperte sich ausgiebig, bevor er dem Kommandanten antwortete: "Ich verstehe natürlich, Kapitän, dass Ihr das Schiff nicht wegen zweier flüchtiger Knaben gefährden durftet, nur hatte ich einen Auftrag, den ich bereits erfüllt zu haben glaubte. Einer der Knaben entsprach nämlich genau den Vorstellungen meines Herrn, und es wird wohl schwer sein, auf die Schnelle wieder Ersatz für ihn zu finden. Zumal ...", der Verschnittene befingerte die sternförmige Narbe über der rechten Augenbraue und richtete das Wort scharf an den Hauptmann, "zumal mir gesagt wurde, dass die Inseln, die wir gerade ansteuern, von der Devschirme befreit sind!"Der Hauptmann senkte den Blick, der Eunuch hatte Recht. Die Inseln vor ihnen waren per Dekret des Sultans von der Knabenlese befreit. Neben dem Hauptmann lag auf den teppichbedeckten Schiffsplanken ein großes, in braunes Glattleder gebundenes Buch. Die Namen der zur Devschirme gezwungenen Jungen waren darin verzeichnet sowie die ihrer Eltern, die der Dörfer und Provinzen, aus denen man sie geholt hatte. In dem Buch standen auch die Namen der Popen ebenso wie die Namen der jeweiligen Kadis. Bei den Kadis verblieb ein ähnliches Buch, das auf gesondertem Weg, keinesfalls aber zusammen mit den Knaben und der Begleitmannschaft, nach Istanbul geschickt wurde. Dort verglich dann der Janitscharen-Agha, der oberste Befehlshaber der Truppe, die Eintragungen. Wehe, es tauchten Ungereimtheiten auf! Sämtlichen Beteiligten an dieser Knabenlese, ob Richter, Offizier oder nur einfachem Soldaten, drohte dann strengste Bestrafung. Nur allzu oft hatte sich herausgestellt, dass reiche Christen es trefflich verstanden, ihre Söhne selbst noch nach der Aushebung bei einem Provinz-Kadi oder den Janitscharen-Offizier von der Devschirme freizukaufen. Die Bestochenen rekrutierten dann zum Beispiel den Sohn eines Rinder- oder eines Schafhirten. Das war nicht statthaft, denn Hirten, der jeweils einzige Sohn einer Familie, ein Knabe ohne Kopfhaarwuchs, einer mit einer sichtbaren Erkrankung oder ein bereits verehelichter älterer Junge (der Pope musste anhand des Kirchenbuchs die Heirat beweisen), waren ausdrücklich von der Devschirme ausgenommen. Muslime durften überhaupt nicht eingezogen werden und auch keine Christenknaben, die ohne Vorhaut zur Welt gekommen waren. So jedenfalls lauteten die detaillierten Vorschriften von Sultan Süleyman. Akribisch wurde außerdem in den beiden identischen Devschirme-Listen das Aussehen der Knaben [...] hierin lag das Problem für die Männer auf der Heckempore der Galeere, und auch der Anführer der Weißen Eunuchen wusste es. Ahmed stand zwar hoch in der Saray-Hierarchie, aber wie alle im Palast tätigen Personen, einfache Wasserträger ebenso wie ansonsten hochvermögende Paschas, war er, der Verschnittene, letztlich doch nur ein "Kul", ein Militärsklave des Sultans. Und je nachdem, woher der politische Wind wehte, war auch ein Weißer Eunuch und Torwächter des Sultans keineswegs dagegen gefeit, dass die großherrlichen Henker ihn zur Richtstätte vor das "Mitteltor" im ersten Palasthof schleiften, wenn dem "Herrscher über alle Menschennacken", wenn Sultan Süleyman, dem "Gesetzgebenden", ein Vergehen eines seiner entmannten Sklaven ruchbar [...] Flüchtling immerhin, überlegte der Hauptmann, konnte ohne großen Aufwand durch einen beliebigen anderen Jungen ersetzt werden, weil dessen Personenbeschreibung auf die meisten Kinder dieser Inselchristen zutraf: Gedrungen waren sie, dunkelhäutig und muskulös. Und das Devschirme-Buch ließ sich mit etwas Geschick bestimmt auch [...] und der Kommandant der Galeere hatten sich bereits vor dem Treffen mit dem Verschnittenen abgesprochen und wechselten einen schnellen Blick. Der Janitschar griff nach dem braunen Lederband und schlug ihn auf. "Es gäbe da schon noch eine Möglichkeit, allerdings ..." Der Anführer der Weißen Eunuchen machte eine ungeduldige Handbewegung. "Und die wäre ...?" Wieder betastete er seine Stirnnarbe. Der Schiffskommandant schnalzte mit der Zunge. "Nun, der Knabe, auf den Ihr besonders ein Auge geworfen hattet, war doch blond und blauäugig, von geradem Wuchs und ohne jedwede körperliche Versehrtheit, sei es auch nur die kleinste Narbe, etwa am Knie, wie Knaben seines Alters sie sich fast zwangsläufig etwa beim Spielen zuziehen.""Laut Eintragung des Popen ins Kirchenbuch war er fünfzehn Jahre alt", sagte der Hauptmann und legte den Lederband wieder neben sich."Ja, und?", knurrte der Verschnittene verärgert, denn er wusste nicht, worauf die beiden Offiziere hinauswollten. "Redet gefälligst etwas deutlicher, wenn Ihr einen Vorschlag habt, der uns alle vor dem Henker bewahren könnte!"Der Galeerenkommandant lächelte verschmitzt. "Seht, Herr! Es ist vielleicht einfacher, als Ihr denkt, einen Knaben gleichen Aussehens aufzutreiben."Ahmed grinste höhnisch. "So? Ich höre!"Der Janitscharen-Hauptmann räusperte sich nachhaltig, dann erst sprach er. "Hoher Herr! Der Kapitän und ich haben vorhin einen Matrosen ausgefragt, der mehrmals für längere Zeit auf allen Inseln da vorne gewesen ist. Er meint, dass dort viele Christenfamilien mit Kindern im richtigen Alter leben würden, und mehrere von ihnen sollen auch hellhaarig und blauäugig sein wie der Entkommene."Der Verschnittene dachte nach und befühlte die sternförmige Narbe auf seiner...
Aus Kapitel 2. Kapitel – Drei Weiße Eunuchen Die Sonne stand im Zenit und brannte schon sommerlich bei der anhaltenden Windstille, die bereits seit den Morgenstunden über dem Meer lag. Das zerklüftete Küstengebirge im Osten war zu einem vagen, blass-gelben Streifen [...] Galeere, die mit dem grünen Banner des Propheten beflaggt war und die auch die scharlachrote Flagge der Pforten-Marine mit dem silbernen Halbmond und dem Stern zeigte, hielt Kurs auf einen Archipel flachkuppiger Inseln am Horizont. Gleichmäßig bewegten sich zwanzig Ruderpaare im Takt von dumpfen Trommelschlägen. Der Kommandant der Galeere, ein Hauptmann der Janitscharen und ein Koloss von einem Mann saßen unter dem Sonnensegel auf der Heckplattform des Kriegsschiffs. Der Schiffsführer betrachtete mit zusammengekniffenen Lippen die rotgekleideten Knaben, die aneinander gefesselt unterhalb der Heckempore hockten, dann schüttelte er energisch den Kopf."Nein, meine Herren, wenn ich durch die Möveninsel-Enge gesteuert wäre, hätte ich riskiert, das Schiff zu verlieren. Außerdem: Die beiden Flüchtigen waren bestimmt schon in den Küstenwäldern untergetaucht, und ohne Bluthunde könnte sie dort selbst eine vollzählige Orta Janitscharen nicht mehr aufspüren!",Eine Orta, eine Kompanie!`, dachte der Hauptmann bitter. ,Hätte ich eine ganze Orta gehabt, wäre mir niemand unbemerkt vom Schiff entkommen!`Die Knaben hatten sich im Schutze der Dunkelheit geräuschlos vom Deck der Galeere abgeseilt und waren zu einer der Landzunge vorgelagerten Insel geschwommen. Natürlich hatten die anderen Jungen ihre Flucht gedeckt, weshalb sie allesamt kräftig die Peitsche zu spüren bekamen, wie im Übrigen auch die vier nachlässigen Janitscharen der Nachtwache. Und der Janitscharen-Hauptmann dachte voller Groll an seinen Oberst, der ihm bloß eine halbe Kompanie zur Knabenlese mitgegeben hatte, weil dieser verdammte Rüstem Pascha wieder einmal alle irgendwie entbehrlichen Soldaten als Jagdtreiber abkommandiert [...] dem Hauptmann waren dann drei Weiße Eunuchen und ein halbes Dutzend Schwertträger von den Saraywächtern an Bord der Galeere gegangen. Weiße Eunuchen bewachten das Tor zum Privatquartier des Sultans.Zuerst hatte der Hauptmann vermutet, dass die Schwertträger als Ersatz für die fehlenden Janitscharen bestimmt waren. Er wurde bald eines Besseren belehrt: Der Anführer der drei Eunuchen hieß Ahmed, war ein Fettberg von einem Verschnittenen, besaß eine auffällige sternförmige Narbe über der rechten Augenbraue und trug ein prunkvolles Brokatgewand. Er hatte ihm und dem Galeeren-Kommandanten sogleich ein Schreiben aus der Kanzlei des Großwesirs vorgelegt, welches nichts anderes besagte, als dass alle Janitscharen und die gesamte Schiffsbesatzung formell ihm, dem Eunuchen, unterstellt waren. Die Schwertträger waren seine Leibwächter. Dann hatte der Verschnittene quasi als erste Amtshandlung die Kabine des Kommandanten in Beschlag [...] Hauptmann war altgedient und hatte schon viele Vorgesetzte gehabt, aber dass er sich einem Eunuchen unterordnen musste, das war ihm noch nie widerfahren. Der Janitscharen-Hauptmann mochte die arroganten Kastraten nicht, denen die hohen Herren mehr ihr Ohr liehen als ehrlich kämpfenden Soldaten. Dem Galeerenkommandanten erging es [...] keiner der Eunuchen oder Saray-Schwertträger in Hörweite war, lästerten die beiden Offiziere zu Beginn der Reise noch häufig über ihren ungewöhnlichen neuen Vorgesetzten mit der hohen Kastratenstimme, der wächsernen Gesichtsfarbe und dem massigen Körper, der nur aus Fettwülsten zu bestehen schien. Dieses Lästern wich aber einer ungeheuchelten Hochachtung, als der Anführer der Weißen Eunuchen einmal von einem der Schiffsoffiziere angerempelt wurde und er den Mann aufs Gröbste deswegen beschimpfte. Die Hand des Offiziers glitt daraufhin zu dem Krummdolch, der in einer silberbeschlagenen Scheide in seinem Gürtel steckte. Noch bevor er die Waffe auch nur halb entblößt hatte, wurde ihm von einem einzigen wuchtigen Säbelhieb der Schädel bis zum Hals gespalten. Wie der Verschnittene ansatzlos seine Waffe gezogen hatte, grenzte für einige der Augenzeugen dieses Vorfalls schon fast an Zauberei. Der Hauptmann jedenfalls hatte nur selten in seinem Leben jemanden beobachten können, der derart schnell und treffsicher auf einen Angriff reagiert hatte wie dieser Eunuch. Auch der Galeerenkommandant hatte sich fortan mit unüberlegten Bemerkungen [...] Galeere zog auf dem ruhigen Meer einen gleichmäßigen Fächer von Bugwellen hinter sich her, ansonsten glich die Wasserfläche einem Spiegel, und nur der laue Fahrtwind bewegte das grüne Banner des Islam an der Hauptmastspitze gelegentlich und kaum [...] Anführer der Weißen Eunuchen räusperte sich ausgiebig, bevor er dem Kommandanten antwortete: "Ich verstehe natürlich, Kapitän, dass Ihr das Schiff nicht wegen zweier flüchtiger Knaben gefährden durftet, nur hatte ich einen Auftrag, den ich bereits erfüllt zu haben glaubte. Einer der Knaben entsprach nämlich genau den Vorstellungen meines Herrn, und es wird wohl schwer sein, auf die Schnelle wieder Ersatz für ihn zu finden. Zumal ...", der Verschnittene befingerte die sternförmige Narbe über der rechten Augenbraue und richtete das Wort scharf an den Hauptmann, "zumal mir gesagt wurde, dass die Inseln, die wir gerade ansteuern, von der Devschirme befreit sind!"Der Hauptmann senkte den Blick, der Eunuch hatte Recht. Die Inseln vor ihnen waren per Dekret des Sultans von der Knabenlese befreit. Neben dem Hauptmann lag auf den teppichbedeckten Schiffsplanken ein großes, in braunes Glattleder gebundenes Buch. Die Namen der zur Devschirme gezwungenen Jungen waren darin verzeichnet sowie die ihrer Eltern, die der Dörfer und Provinzen, aus denen man sie geholt hatte. In dem Buch standen auch die Namen der Popen ebenso wie die Namen der jeweiligen Kadis. Bei den Kadis verblieb ein ähnliches Buch, das auf gesondertem Weg, keinesfalls aber zusammen mit den Knaben und der Begleitmannschaft, nach Istanbul geschickt wurde. Dort verglich dann der Janitscharen-Agha, der oberste Befehlshaber der Truppe, die Eintragungen. Wehe, es tauchten Ungereimtheiten auf! Sämtlichen Beteiligten an dieser Knabenlese, ob Richter, Offizier oder nur einfachem Soldaten, drohte dann strengste Bestrafung. Nur allzu oft hatte sich herausgestellt, dass reiche Christen es trefflich verstanden, ihre Söhne selbst noch nach der Aushebung bei einem Provinz-Kadi oder den Janitscharen-Offizier von der Devschirme freizukaufen. Die Bestochenen rekrutierten dann zum Beispiel den Sohn eines Rinder- oder eines Schafhirten. Das war nicht statthaft, denn Hirten, der jeweils einzige Sohn einer Familie, ein Knabe ohne Kopfhaarwuchs, einer mit einer sichtbaren Erkrankung oder ein bereits verehelichter älterer Junge (der Pope musste anhand des Kirchenbuchs die Heirat beweisen), waren ausdrücklich von der Devschirme ausgenommen. Muslime durften überhaupt nicht eingezogen werden und auch keine Christenknaben, die ohne Vorhaut zur Welt gekommen waren. So jedenfalls lauteten die detaillierten Vorschriften von Sultan Süleyman. Akribisch wurde außerdem in den beiden identischen Devschirme-Listen das Aussehen der Knaben [...] hierin lag das Problem für die Männer auf der Heckempore der Galeere, und auch der Anführer der Weißen Eunuchen wusste es. Ahmed stand zwar hoch in der Saray-Hierarchie, aber wie alle im Palast tätigen Personen, einfache Wasserträger ebenso wie ansonsten hochvermögende Paschas, war er, der Verschnittene, letztlich doch nur ein "Kul", ein Militärsklave des Sultans. Und je nachdem, woher der politische Wind wehte, war auch ein Weißer Eunuch und Torwächter des Sultans keineswegs dagegen gefeit, dass die großherrlichen Henker ihn zur Richtstätte vor das "Mitteltor" im ersten Palasthof schleiften, wenn dem "Herrscher über alle Menschennacken", wenn Sultan Süleyman, dem "Gesetzgebenden", ein Vergehen eines seiner entmannten Sklaven ruchbar [...] Flüchtling immerhin, überlegte der Hauptmann, konnte ohne großen Aufwand durch einen beliebigen anderen Jungen ersetzt werden, weil dessen Personenbeschreibung auf die meisten Kinder dieser Inselchristen zutraf: Gedrungen waren sie, dunkelhäutig und muskulös. Und das Devschirme-Buch ließ sich mit etwas Geschick bestimmt auch [...] und der Kommandant der Galeere hatten sich bereits vor dem Treffen mit dem Verschnittenen abgesprochen und wechselten einen schnellen Blick. Der Janitschar griff nach dem braunen Lederband und schlug ihn auf. "Es gäbe da schon noch eine Möglichkeit, allerdings ..." Der Anführer der Weißen Eunuchen machte eine ungeduldige Handbewegung. "Und die wäre ...?" Wieder betastete er seine Stirnnarbe. Der Schiffskommandant schnalzte mit der Zunge. "Nun, der Knabe, auf den Ihr besonders ein Auge geworfen hattet, war doch blond und blauäugig, von geradem Wuchs und ohne jedwede körperliche Versehrtheit, sei es auch nur die kleinste Narbe, etwa am Knie, wie Knaben seines Alters sie sich fast zwangsläufig etwa beim Spielen zuziehen.""Laut Eintragung des Popen ins Kirchenbuch war er fünfzehn Jahre alt", sagte der Hauptmann und legte den Lederband wieder neben sich."Ja, und?", knurrte der Verschnittene verärgert, denn er wusste nicht, worauf die beiden Offiziere hinauswollten. "Redet gefälligst etwas deutlicher, wenn Ihr einen Vorschlag habt, der uns alle vor dem Henker bewahren könnte!"Der Galeerenkommandant lächelte verschmitzt. "Seht, Herr! Es ist vielleicht einfacher, als Ihr denkt, einen Knaben gleichen Aussehens aufzutreiben."Ahmed grinste höhnisch. "So? Ich höre!"Der Janitscharen-Hauptmann räusperte sich nachhaltig, dann erst sprach er. "Hoher Herr! Der Kapitän und ich haben vorhin einen Matrosen ausgefragt, der mehrmals für längere Zeit auf allen Inseln da vorne gewesen ist. Er meint, dass dort viele Christenfamilien mit Kindern im richtigen Alter leben würden, und mehrere von ihnen sollen auch hellhaarig und blauäugig sein wie der Entkommene."Der Verschnittene dachte nach und befühlte die sternförmige Narbe auf seiner...
Details
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Belletristik
Medium: Taschenbuch
Inhalt: 352 S.
ISBN-13: 9783862822164
ISBN-10: 3862822168
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback
Autor: Ebertowski, Jürgen
Hersteller: acabus
Imprint der Bedey & Thoms Media GmbH
Verantwortliche Person für die EU: Bedey und Thoms Media GmbH, Hermannstal 119k, D-22119 Hamburg, kontakt@bedey-media.de
Maße: 210 x 139 x 25 mm
Von/Mit: Jürgen Ebertowski
Erscheinungsdatum: 19.11.2013
Gewicht: 0,38 kg
Artikel-ID: 105685805