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Beschreibung
Prolog"Glaubst du, der Roman wäre besser geworden, wenn du ihn alleine geschrieben hättest?", fragte ich Kajo."Ich hätte ihn niemals geschrieben...", antwortete er.Vielleicht stimmt das nicht ganz, vielleicht hätte Kajo auch ohne mich ein Buch geschrieben (und warum auch nicht, während wir am Roman arbeiteten, hat er zwei Gedichtbände veröffentlicht), man hätte es aber wohl kaum als "Roman" bezeichnet. Wo- möglich wären es eher "Gedanken und Einsichten" oder etwas Ähnliches geworden.Nachdem er mir in einem Skype-Gespräch die Geschichte mit Marta und Marto, die mit Alkohol beginnt und ohne Alko- hol endet, in groben Zügen erzählt hatte (Geschichten mit einem Thema bringen ihn, ich weiß nicht, warum, derart in Rage, und er hat unablässig wiederholt, dass ein Buch nichts tauge, wenn es erzählt werden könne), war mir sogleich klar, dass das mehr werden würde als eine Geschichte darüber, wie man dasTrinken aufgibt. Da steckte viel mehr drin - da waren solide gestapelte Schichten, die sorgfältig durchpflügt werden mussten, damit das "literarische Gras" keimte, wenn eine LPG-Metapher erlaubt ist."Du warst der fruchtbare Boden, in dem dieses Gras keimte. Jetzt sei bitte nicht böse, dass es nicht genau so aussieht, wie du es erwartet hast. Immerhin ist das mein Gras!", sagte [...] diesen Worten Kajos haben wir unseren Roman von uns selbst "befreit", von den Vorstellungen, die wir von ihm hatten, von unseren Meinungen, von unseren Launen, die täglich wech- selten und unter deren Einfluss wir immer wieder etwas fanden, was es noch genauer zu erfassen galt. Gibt es überhaupt ein per- fektes Buch? Wie soll das denn gehen, insbesondere wenn dieses ein überaus unvollkommenes Leben beschreiben soll und einen äußerst deformierten, lebenden Helden, der ständig von einem Extrem ins andere kippt, und zwar in einem solchen Maße, dass er, von unserer Schreibarbeit begeistert, aufjuchzt, wie genial wir seien, um wenige Stunden darauf achtzig Prozent des Geschrie- benen zu vernichten und schließlich aus den Resten die eine oder andere Kurzgeschichte zu [...] wir mit der Arbeit am Buch begonnen haben, kannten wir uns erst seit Kurzem, seit wenigen Monaten. Wie wir aufeinan- dertrafen, war recht eigenartig - nämlich beim einzigen Wettbe- werb, an dem Kajo je teilnahm, und zwar obwohl er glaubte, kein Kandidat für Wettbewerbe mehr zu sein, sondern ein Mensch, dem die Arbeit gebührt, weil er ein professioneller Drehbuch- autor ist, ein ausgewiesener noch dazu, der es nicht nötig hat, in welche Konkurrenz auch immer zu treten. Und ausgerechnet dieser Mensch, der jede Art von Wettbewerb von Grund auf hasste, landete am selben Ort wie ich. Schicksal. Zwar trennten sich unsere Wege auf diesem Gleis bald, doch im Laufe unserer unendlich langen Gespräche kamen wir uns immer [...] trafen uns oft und tranken immer das Gleiche - ich Kaf- fee und Cola, er Milch und Mineralwasser. Ich nahm unsere Ge- spräche mit einem Diktiergerät auf, um nicht nur den Sachver- halt, sondern auch die Phraseologie seiner Erzählung abbilden zu können (später, als Kajo einige der übertragenen Gespräche las, war er über die Unförmigkeit seiner Gedanken entsetzt, hätte er aber nicht gelesen, was er dachte, so hätte er womöglich nie das geschrieben, was er später schrieb!).Unsere Gespräche ähnelten einem Monolog - nämlich dem Monolog eines tauben Menschen, der nicht aufhörte zu sprechen, bis ihm die Energie ausging, das Telefon klingelte oder ein anderes Ereignis ihn in den Terminplan seiner sonsti- gen Pflichten zurückholte. Oft ließ er nicht einmal zu, dass ich ihn unterbrach. So gingen aus verbalen Überschwemmungen Episoden hervor - als müsste erst der trübe Bodensatz abge- pumpt werden, bevor das Trinkwasser floss. Diese Gespräche wirkten sonderbar auf mich - sie schläferten mich ein, dämpf- ten meine Wachsamkeit, vernebelten mein Urteil und brachten mein Reaktionsvermögen direkt zum Stillstand. Erst als ich sie zu Hau
Prolog"Glaubst du, der Roman wäre besser geworden, wenn du ihn alleine geschrieben hättest?", fragte ich Kajo."Ich hätte ihn niemals geschrieben...", antwortete er.Vielleicht stimmt das nicht ganz, vielleicht hätte Kajo auch ohne mich ein Buch geschrieben (und warum auch nicht, während wir am Roman arbeiteten, hat er zwei Gedichtbände veröffentlicht), man hätte es aber wohl kaum als "Roman" bezeichnet. Wo- möglich wären es eher "Gedanken und Einsichten" oder etwas Ähnliches geworden.Nachdem er mir in einem Skype-Gespräch die Geschichte mit Marta und Marto, die mit Alkohol beginnt und ohne Alko- hol endet, in groben Zügen erzählt hatte (Geschichten mit einem Thema bringen ihn, ich weiß nicht, warum, derart in Rage, und er hat unablässig wiederholt, dass ein Buch nichts tauge, wenn es erzählt werden könne), war mir sogleich klar, dass das mehr werden würde als eine Geschichte darüber, wie man dasTrinken aufgibt. Da steckte viel mehr drin - da waren solide gestapelte Schichten, die sorgfältig durchpflügt werden mussten, damit das "literarische Gras" keimte, wenn eine LPG-Metapher erlaubt ist."Du warst der fruchtbare Boden, in dem dieses Gras keimte. Jetzt sei bitte nicht böse, dass es nicht genau so aussieht, wie du es erwartet hast. Immerhin ist das mein Gras!", sagte [...] diesen Worten Kajos haben wir unseren Roman von uns selbst "befreit", von den Vorstellungen, die wir von ihm hatten, von unseren Meinungen, von unseren Launen, die täglich wech- selten und unter deren Einfluss wir immer wieder etwas fanden, was es noch genauer zu erfassen galt. Gibt es überhaupt ein per- fektes Buch? Wie soll das denn gehen, insbesondere wenn dieses ein überaus unvollkommenes Leben beschreiben soll und einen äußerst deformierten, lebenden Helden, der ständig von einem Extrem ins andere kippt, und zwar in einem solchen Maße, dass er, von unserer Schreibarbeit begeistert, aufjuchzt, wie genial wir seien, um wenige Stunden darauf achtzig Prozent des Geschrie- benen zu vernichten und schließlich aus den Resten die eine oder andere Kurzgeschichte zu [...] wir mit der Arbeit am Buch begonnen haben, kannten wir uns erst seit Kurzem, seit wenigen Monaten. Wie wir aufeinan- dertrafen, war recht eigenartig - nämlich beim einzigen Wettbe- werb, an dem Kajo je teilnahm, und zwar obwohl er glaubte, kein Kandidat für Wettbewerbe mehr zu sein, sondern ein Mensch, dem die Arbeit gebührt, weil er ein professioneller Drehbuch- autor ist, ein ausgewiesener noch dazu, der es nicht nötig hat, in welche Konkurrenz auch immer zu treten. Und ausgerechnet dieser Mensch, der jede Art von Wettbewerb von Grund auf hasste, landete am selben Ort wie ich. Schicksal. Zwar trennten sich unsere Wege auf diesem Gleis bald, doch im Laufe unserer unendlich langen Gespräche kamen wir uns immer [...] trafen uns oft und tranken immer das Gleiche - ich Kaf- fee und Cola, er Milch und Mineralwasser. Ich nahm unsere Ge- spräche mit einem Diktiergerät auf, um nicht nur den Sachver- halt, sondern auch die Phraseologie seiner Erzählung abbilden zu können (später, als Kajo einige der übertragenen Gespräche las, war er über die Unförmigkeit seiner Gedanken entsetzt, hätte er aber nicht gelesen, was er dachte, so hätte er womöglich nie das geschrieben, was er später schrieb!).Unsere Gespräche ähnelten einem Monolog - nämlich dem Monolog eines tauben Menschen, der nicht aufhörte zu sprechen, bis ihm die Energie ausging, das Telefon klingelte oder ein anderes Ereignis ihn in den Terminplan seiner sonsti- gen Pflichten zurückholte. Oft ließ er nicht einmal zu, dass ich ihn unterbrach. So gingen aus verbalen Überschwemmungen Episoden hervor - als müsste erst der trübe Bodensatz abge- pumpt werden, bevor das Trinkwasser floss. Diese Gespräche wirkten sonderbar auf mich - sie schläferten mich ein, dämpf- ten meine Wachsamkeit, vernebelten mein Urteil und brachten mein Reaktionsvermögen direkt zum Stillstand. Erst als ich sie zu Hau
Details
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Belletristik
Medium: Taschenbuch
Originaltitel: Alcohol
Inhalt: 432 S.
ISBN-13: 9783906811000
ISBN-10: 390681100X
Sprache: Deutsch
Einband: Kartoniert / Broschiert
Autor: Terzijski, Kalin/Dragoeva, Dejana
Redaktion: Dimitrova Popova, Viktoria
Herausgeber: Viktoria Dimitrova Popova
Übersetzung: Viktoria Dimitrova Popova
Hersteller: INK Press GmbH
Verantwortliche Person für die EU: GVA Gemeinsame Verlagsauslieferung Göttingen GmbH & Co. KG, Carsten Schlieker, Postfach 20 21, D-37010 Göttingen, info@gva-verlage.de
Maße: 208 x 136 x 31 mm
Von/Mit: Kalin/Dragoeva, Dejana Terzijski
Erscheinungsdatum: 10.06.2015
Gewicht: 0,57 kg
Artikel-ID: 104274872